Die Frau, die ich kannte

14 Jun Die Frau, die ich kannte

„Und heute?
Du wohnst in einer Stadt
die zu viele Häuser hat.
Selbst wer dort lebt
weiß ihren Namen nicht.“

RIG erzählt:

Dieses Stück ist das vielleicht eingängigste und lauteste auf der gesamten CD. Man hätte es sehr gut als klassisches JANUS Lied arrangieren können, aber es funktioniert auch hervorragend im Kontext von „Ein schwacher Trost“. Obwohl das Lied harmonisch sehr geradeaus arrangiert ist, bricht sein Ablauf, wie man es von JANUS gewohnt ist, gleich eine Vielzahl traditioneller Pop-Strukturen. In den vier Minuten passiert allerlei überraschendes und nur wenige Passagen wiederholen sich. Ich mag besonders die Energie und den Drive von „Die Frau, die ich kannte“. Textlich scheint es auf den ersten Blick ein eindeutiges Bild zu vermitteln, aber auf den zweiten bieten sich doch einige zusätzliche Bedeutungsebenen an. Die Textzeile „Geheimnisse sind da keine mehr“ ist durchaus als Antwort auf das vorangegangene Stück zu lesen, wobei auch hier die alte JANUS Weisheit zum tragen kommt, das die vom Ich-Erzähler geäußerten Gedanken und Gefühle ab und an kritisch zu hinterfragen sind. Besagte Zeile lässt sich aber auch im generellen Kontext der Alltagsagonie lesen, die zahlreiche Texte von „Ein schwacher Trost“ umweht. Offene Anklage, gescheiterte Lebensentwürfe, heimliche Liebe, Selbstzweifel oder Sarkasmus? Ich kann mich auch Wochen nach der Fertigstellung dieses Stückes nicht wirklich entscheiden, was genau es bedeutet.

Toby erzählt:

Tanzmusik machen wir eigentlich nicht, obwohl Tanzrhythmen immer wieder auftauchen, wie zum Beispiel in „Neunundachtzig“, das als Wiener Walzer getanzt werden kann. Ich habe allerdings keine Ahnung, wo unsere Affinität zum Tango herkommt. Wem dazu eine schlüssige Herleitung einfällt, bitte ins Knochenhaus schicken. Die Wahl eines Bandoneon als einzigem Soloinstrument für diese Album kann doch auch kein Zufall sein, oder? Bei „Paulas Spiel“ z.B. ist der Einfluss des Tangos unverkennbar und auch bei der Entstehung von „ Die Frau die ich kannte“ hatte ich so ein Tangozucken in den Beinen. Den wehmütigen Abgesang auf eine schöne, unwiederbringliche Erinnerung habe ich sofort mit diesem typischen Tango-Rhythmus in Verbindung gebracht: Grundschema ist ein 4/4 Takt mit einer punktierten Viertel-, einer Achtel- und dann zwei Viertelnoten, etwa so:

Die Klavierbegleitung bleibt ganz eng an dem Muster, wobei ich mit der rechten Hand die Viertel auf der dritten Zählzeit weglasse. Dadurch verliert der Rhythmus den Fluss und bekommt etwas Stolperndes. Die fehlende Betonung wird durch die linke Hand (Bass) bzw. das Streichorchester aufgenommen. Solche Phrasen mit Akkorden liegen mir beim Spielen besonders und sind stilprägend für viele unserer Arrangements, da eine gewisse rhythmische Strenge ein typisches Merkmal von JANUS ist. Harmonisch ist das Stück einfach aufgebaut. Beginnend mit E-Moll variieren wir auf dem Quintenzirkel nach rechts und links zu A-Moll und H-Moll. Da die Gesangsmelodie beim Grundton bleibt, habe ich die Begleitung um die Quinte aufgebaut (H), in der Strophe allerdings nach unten oktaviert. Vorspiel und Schluss stehen sich gegenüber: Wo das Vorspiel bereits das Stück komplett harmonisch vorstellt, jedoch ohne die rhythmische Betonung, wechselt der Schluss nur noch desolat in E- und A-Moll und klammert sich an den Rhythmus bis zum letzten Ton.

Fotos: Oliver Haas

1Kommentar
  • Thorsten
    Veröffentlicht um 12:05h, 25 Juni Antworten

    Meine Idee zu dem Tango Bezug liegt in der Leidenschaft und dem intensiven Gefühl. Tango ist voll von Herzschmerz, Sehnsucht und Hingabe.

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