Interview: Seid ihr noch ganz bei Trost?

06 Jun Interview: Seid ihr noch ganz bei Trost?

Es ist nicht zu fassen. Kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Janüsse nach all den Jahren im Winterschlaf wieder regelmäßig aktiv sind, erliegen sie nie geahnten Aktivitätsschüben. Als wäre die anstehende Herbstreise, neben der Arbeit an der angekündigten „All die Geister“ CD nicht Lebenszeichen genug, werden JANUS tatsächlich eine weitere neue CD namens „Ein schwacher Trost“ veröffentlichen. Und das noch dieses Jahr. Grund genug, sich ins Hauptquartier auf den Weg zu machen, um den beiden Wahnsinnigen auf den Zahn zu fühlen.

Hallo ihr zwei. Jetzt verstehe ich endlich eure seltsamen Anspielungen im letzten Gespräch. Ihr nehmt tatsächlich ein neues Album auf, aber nicht „All die Geister“, sondern „Ein schwacher Trost“. Wie kam es dazu?

RIG: Wir nehmen auch „All die Geister“ auf. Aber „ein schwacher Trost“ hat einfach rechts überholt und sich frech nach vorne gedrängelt. Dabei hatten wir ganz andere Pläne.

Toby: Wir haben immer Pläne und dann kommt alles anders. Eigentlich wollten wir ja nur etwas Klavier für „All die Geister“ aufnehmen. Wir waren jedoch das Meinung, dass sich dafür alleine ein Studioaufenthalt nicht lohnen würde. Also kam noch etwas dazu.

RIG: Genau. Ein zweites Album.

Das klingt, gelinde gesagt, verrückt. Wie kann es sein, dass ihr „Ein schwacher Trost“ vor „All die Geister“ herausbringt? 

Toby: Das frage ich mich ehrlich gesagt auch.

Seid ihr noch ganz bei Trost?

Toby: Ich schon, aber RIG …

RIG: Ach, jetzt bin ich wieder Schuld. Die Masche nimmt dir doch keiner mehr ab.

Toby: Zugegeben, es war eine gemeinsame Entscheidung. Die Arbeit mit unserer Band und die letzten Konzerte haben meine musikalischen Lebensgeister geweckt. Und einmal aktiviert, waren da gleich Ideen für neue Sounds und Lieder. Aber bei dem Versuch, diese Ideen mit der üblichen JANUS-Methode fortzuentwickeln, also in unzähligen Iterationen die ganzen Details zu einem großen Bild zusammenzufügen wie ein riesiges Puzzle, bin ich irgendwann stecken geblieben. Es war die einzige Methode, die ich kannte, um ein JANUS Lied zu produzieren, aber sie hat mich total blockiert. Die Arbeit kam nicht wie gewünscht voran und der Frust wurde immer größer. Wir mussten etwas ändern, eine Pause einlegen. Also beschlossen wir am Klavier Ideen für Lieder zu entwickeln. Das hat uns beiden immer großen Spaß gemacht und wir können viel spontaner sein. Eigentlich kein Wunder, dass plötzlich die Idee im Raum stand, einige Stücke nur für Klavier und Gesang zu komponieren. Es konnte ja keiner ahnen, dass plötzlich ein ganzes Album zustande kommt.

RIG: Das war wirklich eine Überraschung. Zunächst wollten wir nur eine handvoll neuer Stücke schreiben, die wir an den Duo-Abenden aufführen konnten, da „All die Geister“ noch nicht fertig war, wir aber Lust auf neue Stücke hatten. Diese 3-4 Lieder wollten wir dann zusammen mit dem „All die Geister“ Lied im Studio zusammen aufnehmen. Aber plötzlich flossen die Texte, Melodien und Lieder nur so aus uns heraus. Wir mussten uns am Ende richtiggehend zwingen, den Kompositionsprozess zu unterbrechen. Es war wie ein Rausch. Und plötzlich hielten wir zehn neue Stücke in den Händen, die uns alle richtig ans Herz gewachsen waren.

TOBY WARTET AUF DAS WAS KOMMT. FOTO: NUNO CAMPOS

 

Kommen wir zur Sache: Wie genau klingt „Ein schwacher Trost“?

Toby: (singt) Let me see you stripped … Wir haben schon öfter Lieder sehr reduziert aufgenommen, zum Beispiel nur mit Klavier und Gesang. Aber eine solche Reduktion auf einem kompletten Album konsequent durchzuziehen, ist etwas ganz Neues für uns. Ich finde es spannend, dass es gleichzeitig zerbrechlich und fragil, auf der anderen Seite aber auch kraftvoll und mit viel Tiefe daher kommt. Das neue Album klingt wie eine Kerze in großer Dunkelheit, die ganz langsam verglimmt.

Ihr habt also tatsächlich ein ganzes Album nur mit Klavier und Gesang aufgenommen?

RIG: Nein. Das war unser erster Gedanke. Aber schnell wurde uns klar, dass wir den Stücken noch etwas hinzufügen wollten, nämlich ein 41-köpfiges Streicherensemble und als Soloinstrument noch ein Bandoneon. Das Album ist quasi ein Liederzyklus für Klavier, Stimme, Bandoneon und Streichorchester.

Und von was handelt das Album? Verfolgt es wieder ein textliches und musikalisches Konzept?

RIG: Unsere Alben verfolgen alle ein mehr oder weniger offensichtliches Konzept. Da ist auch „Ein schwacher Trost“ keine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Der konzeptionelle Ansatz ist bei diesem Album besonders ausgeprägt und zwar auf allen Ebenen: Musik, Texte und Artwork. Wir wollten entgegen unseren sonst eher epischen und barocken Ausgestaltungen ein sehr konzentriertes und reines Album erschaffen. Textlich sollte es sich mit den Themen Stillstand, Alltag und Scheitern auseinandersetzen. Es sollte ebenso melodisch wie schwermütig sein und einen sofort gefangen nehmen.

Toby: Bisher haben wir ja reduzierte Arrangements in unseren Alben eher dazu eingesetzt, die überbordenden Arrangements durch den Kontrast noch größer wirken zu lassen. Dass wir für ein ganzes Album ein so konzentriertes musikalisches Korsett anlegen, ist neu. Zu diesem Konzept gehört auch die sehr enge Zusammenarbeit mit Tilman Sillescu, der uns an den Orchesterarrangements perfekt unterstützt. Die stilistische Reduktion der Arrangements in Verbindung mit einem, für unsere Verhältnisse äußerst stringenten Vorgehen hat eine erstaunliche Dynamik freigesetzt, die eigentlich gar nicht zu unserer Methusalemattitüde passt. Für mich war früher als Heranwachsender das Klavierspiel der Zugang zur Welt der Musik. Jetzt die Lieder für „ Ein schwacher Trost“ alle für Klavier und Stimme zu schreiben, ist so etwas wie die Rückkehr zu meinen persönlichen Wurzeln.

TOBY KEHRT ZURÜCK ZU SEINEN MUSIKALISCHEN WURZELN FOTO: RIG

 

Inwiefern unterscheidet sich das Album denn von den vorherigen, dadurch dass es komplett am Klavier komponiert wurde?

Toby: Ich sehe den wesentlichen Unterschied darin, dass unsere Maxime bei vorherigen Produktionen war, sich stilistisch nicht fest zu legen. Wir wollten uns am liebsten alle Optionen offen halten, selbst bei einem zurückgenommenem Album wie „Nachtmahr“. Im Vorfeld der Produktion bereits vier alleinige Elemente für das gesamte Album zu definieren, nämlich Stimme, Piano, Bandoneon und Orchester, ist ein radikaler Bruch mit unserer bisherigen Philosophie. Es ist beunruhigend aber auch faszinierend.

RIG: Ich denke, so etwas haben wir einfach gebraucht, um uns zu motivieren. Eine besondere Herausforderung, etwas ganz Neues. Das wird uns bei „All die Geister“ noch zugute kommen.

War es denn schwer, nach über zehn Jahren ein komplettes neues Album anzugehen?

Toby: Also schwer fand ich es überhaupt nicht. Es ist halt so passiert.

RIG: Damit hast du für „Ein schwacher Trost“ zwar recht, aber ganz so einfach war es dann doch nicht. Bei „All die Geister“ haben wir diesen Druck nämlich sehr wohl verspürt. Nach einem euphorisierenden Anfang kam da erstmal ein tiefes Tal, so ähnlich wie damals bei „Schlafende Hunde“. Wir steckten fest, umgeben von 200 Spuren pro Lied und unzähligen Varianten, Mixen und Ansätzen, um die Lieder fortzuführen, aber keinem Plan, diese finalen Festlegungen zu treffen. So gesehen war „Ein schwacher Trost“ wie eine Therapie für uns, da es uns neues Selbstvertrauen gegeben hat, unseren Entscheidungen wieder zu vertrauen und nicht alles ausprobieren zu müssen, nur weil es möglich ist. Jetzt spüre ich auch wieder Kraft, den Monolithen „All die Geister“ fortzuführen.

Toby: Das stimmt, das geht mir ähnlich. Wenn man es so betrachtet, sind die beiden Alben eng verbandelt, fast wie Geschwister.

Wie genau wird sich „All die Geister“ denn zu „Ein schwacher Trost“ verhalten?

RIG: Platt gesagt ist „Ein schwacher Trost“ für mich das Album, das „Nachtmahr“ hätte sein sollen. Es ist von großer Schönheit und stilistischer Klarheit. Auf den Punkt, wie man so schön sagt. „All die Geister“ ist dagegen von immenser Vielfalt und stilistischer Breite. Typisch JANUS trifft es ganz gut. Wenn man Gitarren, Elektronik, Chöre und der ganze Rest sucht, wird man dort fündig werden.

Toby: „Ein schwacher Trost“ ist intensive Kammermusik in einer dunklen Grotte, tief unter der Erde gespielt. Das vorherrschende Gefühl ist Traurigkeit und der Blick ist nach innen gerichtet. „All die Geister“ ist die große Sinfonie. Es wird zwar auch sehr düster werden, aber von ganz zerbrechlichen Klängen bis hin zu brachialen Soundwalzen die ganze Palette abdecken. „All die Geister“ wird ein Klangkosmos in guter alter JANUS Tradition sein, „Ein schwacher Trost“ hingegen ist das perfekte JANUS Konzentrat.

Okay, ihr habt es geschafft. Ich bin jetzt schon völlig durch den Wind. Zwei neue JANUS-Alben, dass ich das noch erleben darf! Spielt ihr denn auch einige „Trost“ Stücke auf der Herbstreise?

Toby: Klar doch! Wir werden wir es uns nicht nehmen lassen, neue Stücke ausführlich zu präsentieren. Schon aufgrund der Arrangements bietet sich das mehr als an. Außerdem bin ich gespannt, zu erfahren, wie die Lieder auf der Bühne wirken.

Wenn ihr „Ein schwacher Trost“ mit einem Wort beschreiben würdest, welches Wort wäre das?

Toby: Brazil, wie der Film. Mein persönliches Synonym für eine heldenhafte Anstrengung im Leben das Richtige zu tun, ohne die geringste Aussicht auf Erfolg.

RIG: Schwermut.

SPIELT AUF „EIN SCHWACHER TROST“ EINE GANZ BESONDERE ROLLE: DAS BANDONEON

 

Auf eine Sache würde ich gerne noch einmal zurückkommen: Wie kamt ihr auf die Idee mit dem Bandoneon? Das ist ungewöhnlich.

RIG: Ich denke mal, das Bandoneon ist ein Instrument, das man nicht gerade mit JANUS in Verbindung bringt, dazu ist es zu folkloristisch und speziell. Aber genau das machte den Reiz für uns aus. Wir wollten eine Solostimme, die das Resignative und Verlebte des Albums transportieren und für Hafenkneipen, Melancholie, Menschlichkeit und Vergeblichkeit stehen konnte. Etwas, das wir noch nie in unserem Klangteppich verwoben hatten, eine unverbrauchte Stimme.

Toby: Das Bandoneon wurde ja in Deutschland entwickelt, aber erst in Argentinien bekannt und berühmt. Es ist äußerst schwer zu spielen, hat aber einen einzigartigen Klang z.B. im Tango, dem ja eine große Sehnsucht zu Grunde liegt. In Bezug auf die Stimmung ist das Bandoneon auf den zweiten Blick also ganz auf einer Linie mit JANUS, jedenfalls sehe ich das so.

RIG: Volle Zustimmung.

Ich kenne euch ja nun schon etwas länger. Ihr wirkt sehr gelöst, als ob euch ein riesiger Stein vom Herzen gefallen wäre. Eurer guten Stimmung zum Trotz ist „Ein schwacher Trost“ aber das vielleicht dunkelste und nachdenklichste Werk in der, an Tränentreibern nicht gerade armen Geschichte von JANUS. Könnt oder wollt ihr nicht anders?

Toby: Es war schon immer so, dass unsere Stimmung besser wurde, je düsterer und abgründiger die Lieder waren, die wir aufnahmen. Wenn du also unsere Stimmung in Korrelation zu den Stücken setzt, passt alles.

RIG: Außerdem war es für uns eine unglaubliche Erfahrung, nach mehr als 12 Jahren noch einmal ein neues Album fertigzustellen. Ich kann es noch immer nicht glauben, obwohl ich mir die Lieder so oft zu Gemüte geführt habe. Es fühlt sich einfach großartig an.

Toby: Wir haben es uns selbst gezeigt. Jetzt erstmal in Ruhe durchatmen.

RIG: (singt) Wir atmen durch und werden alt.

Toby: Der musste jetzt ja kommen.

RIG: Richtig. Und danach kommt…?

Toby: Ein Bier?

RIG: Gerne auch zwei. Ich meinte aber eher „All die Geister“.

Toby: Du bist ja wirklich nicht aufzuhalten. Ich dachte, wir hätten uns erstmal eine kleine Pause verschafft.

RIG: Zwei Bier, Album-Release, Liveproben, Herbstreise, „All die Geister“.

Toby: Scheiße, der meint das ernst. (lacht)

 

1Kommentar
  • Arno Gündisch
    Veröffentlicht um 17:57h, 21 Juni Antworten

    Das Budapester Orchester hat es echt in sich..diese rauhen Untertöne bei gleichzeitiger Zerbrechlichkeit…und dann die Piano-Parts von Toby..schätze, dass Euer neues Album ein Monolith sondergleichen wird…

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