Rezension – Nachtmahr – E. Get. deleted

13 Sep Rezension – Nachtmahr – E. Get. deleted

Wie immer hinkt auch die CD-Kritik der aktuellen Ausgabe von E. Get deleted dem Erscheinungsdatum des besprochenen Werkes um Monate hinterher. Schon im November 2005 erschien das vierte Album des Duos Dirk Riegert (RIG; Gesang, Texte) und Tobias Hahn (Klavier, Programmierung), besser bekannt unter dem Namen JANUS.

Wer sich die ca. 22 Euro teure limitierte Auflage gekauft hat, erhielt neben dem eigentlichen Album noch eine Bonus-CD mit einer 26-minütigen, professionell vertonten Erzählung Riegerts,  ein Hörbuch also. In dieser Edition ist das Album in Buchform (ca. A5-Format) erschienen, d.h. die CDs befinden sich auf den Innenseiten der sehr festen Buchdeckel und das 40seitige, mit Arbeiten von Alessandro Bavari und Oliver Schlemmer versehene (und leider diverse Tippfehler aufweisende) Booklet ist in der Mitte befestigt. Von der Plattenfirma Trisol ist man ja schon gewohnt, mit aufwändigen CD-Hüllen beglückt zu werden, aber die Gestaltung von Nachtmahr wirkt wie der momentane Höhepunkt des fast schon Verpackungswahnsinns.

Die einzelnen Titel des Albums folgen einem inhaltlichen roten Faden, dem zunächst sehr eng gefolgt wird, der sich dann etwas verliert, aber in anderer Form wieder aufgegriffen wird: Krieg. Die erste Hälfte bezieht sich hierbei auf den zweiten Weltkrieg, während Krieg später metaphorisch für das Verhältnis von Mann und Frau nach dem Ende einer Liebe betrachtet wird. Den Übergang zwischen beiden Teilen schafft vor allem auf klangliche Weise der fünfte Titel Kadaverstern, eine beeindruckende Coverversion von Heinz-Rudolf Kunzes 1986 erschienenem Song.

Zunächst geht es um einen alten russischen Kriegsveteranen, der Sonntags seine alten Sowjetorden an seinen Anzug heftet und sich an die Schrecken der Schlacht von Stalingrad 1943 erinnert. Die Erinnerung ist ein Hund, der sich hinlegt, wo er will, schrieb der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, und diese Zeile ist sowohl titelgebend für das erste Lied als auch dem Booklet als Zitat vorangestellt.

Auf den Erlebnissen von Anita Lasker beruht der zweite Titel Anita spielt Cello. Hintergrund ist das Mädchenorchester von Auschwitz, das 1943 auf Befehl der SS gegründet wurde und in dem Lasker dem Tod entkam. Als Überlebende hat sie später über ihre Erlebnisse Vorträge gehalten und ein Buch veröffentlicht. Diesem scheinen einige inhaltliche Fakten entnommen worden zu sein. Indem Dirk Riegerts beeindruckende Stimme das Cellospiel den Schrecken des KZ gegenüberstellt, erzeugt es eine sehr bedrückende Stimmung, die den Zuhörer mehrmals schlucken lässt.

Nach dem Nooteboom-Zitat stellt der dritte Song einen zweiten intertextuellen Bezug dar. Kinderkreuzzug ist sein Name und wer hier Assoziationen zu Bertolt Brechts gleichnamiger Ballade hat, liegt richtig. Die Janusfassung des Texts hält sich formal sehr eng an die Vorlagen (Brecht selbst hat mehrere Fassungen geschrieben), variiert den Text aber inhaltlich. In den knapp acht Minuten erzählen Sänger und Instrumente eine traurige, sehr viel Verzweiflung in sich bergende Geschichte, die gut neben den Brecht-Originalen bestehen kann.

Das persönliche Schicksal eines Soldaten an der Front hält Dorinas Bild fest. Dorina ist die weit entfernte Freundin des Soldaten und das Foto von ihr ist das einzige, was ihn am Leben hält, bis hin zum Tod, der ihn letztlich doch ereilt. Das letzte, was er sterbend auf dem Rücken liegend wahrnimmt ist ihr Bild:Wie bei Anita spielt Cello ist es der dramatisch vorgetragene Gegensatz von Schrecken und Schönheit (hier in Form der Erinnerungen, dort in Form der Musik des Mädchenorchesters), der dem Lied seine emotionale Kraft verleiht.

In Kadaverstern ist das letzte Mal vom Krieg als historischem Ereignis die Rede, doch weitet der Blick sich jetzt, betrachtet kein einzelnes Schicksal mehr. Auch ist Heinz-Rudolf Kunzes Text doppeldeutig, prangert u.a. Tierversuche an. Das Lied scheint als Verbindung zwischen der Geschichten erzählenden ersten Hälfte und der eher persönlich wirkenden zweiten Hälfte zu dienen, den Übergang schaffen insbesondere die von Daniel Schröder (Samsas Traum) gespielten Klarinetten, die dem Lied ein in Richtung Jazz gehendes Ende verpassen.

Diese Stimmung wird vom sechsten Titel, Nellie, aufgenommen und verstärkt, einem Lied, das eigentlich schon für das Vorgängeralbum Auferstehung gedacht war und vom Schicksal eines Mädchens berichtet, das nach einer schlimmen, u.a. Missbrauch umfassenden, Kindheit versucht, im Bauch der Stadt ein normales bürgerliches Leben zu führen, inklusive Ehemann.

Was uns zerbricht benennt Song Nummer sieben. Dieser recht alte Titel behandelt mit diversen Metaphern den Anfang vom Ende einer Beziehung, eine Phase, in der man es noch leugnet. Das Thema wird im nächsten Lied fortgesetzt, in dem immer wieder gebeten wird: Sag doch was. Doch es gibt nichts mehr zu reden, alles ist vorbei, und die verzweifelte Frage: Was habe ich falsch gemacht? / Wie lang schon vor dieser Nacht / hast du das Ende kommen sehen? verhallt unbeantwortet.

Stattdessen kommt es nun zur Abrechnung im Grabenkrieg der gescheiterten Liebe, einem Krieg, den beide nicht wollen, aber aus dem sie nicht mehr rauskommen, weil das Vertrauen nicht mehr gegeben scheint. Gesanglich wird Dirk Riegert hier von Diana Nagel unterstützt.  Die Ruhe selbst und Das Gesicht beenden das Album Nachtmahr? Liebe ist zu Hass geworden, und man selbst hat sich verändert.

Die Instrumentierung der CD ist sehr schlicht. Klavier, Celli und Perkussioninstrumente dominieren, werden ab und an von Klarinetten und Blechbläsern ergänzt. Selten kommen kaum wahrnehmbare Gitarre und Bass dazu, im Gegensatz zu früheren JANUS-Alben rockt die CD überhaupt nicht was in diesem Fall absolut kein negatives Qualitätsurteil darstellt.

Insbesondere die dem Krieg gewidmete Hälfte besitzt eindringliche Texte, die musikalisch angemessen umgesetzt werden. Die Schwere des Themas, das Bedrückende, die Verzweiflung werden durch die gewählten Instrumente eindrucksvoll dargestellt, und Dirk Riegerts so typische Stimme, obgleich sehr dominant, harmoniert sehr gut mit der Begleitung.

Den Texten der CD kann man evtl. vorwerfen, teilweise recht simple Reime zu enthalten. Verse wie Ich trage ein Gesicht / doch du erkennst mich nicht oder Komm rein, du wirst ganz nass / Dein Gesicht ist leichenblass wären der Dichtkunst Thomas Rainers (L’Ame Immortelle) würdig. Und das war jetzt kein Kompliment.  Dennoch, in der Regel hält die CD ein hohes Niveau, klanglich, textlich und gesamtinhaltlich und schafft es, das schwierige Thema, diesen Nachtmahr, den Albtraum Krieg in würdiger Weise zu behandeln. Sie ragt damit über viele andere Produktionen aus dem Gothic-Bereich hinaus und sollte auch über diese Szene hinweg Aufmerksamkeit erfahren.

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