Starrsinn verleiht Flügel

26 Mai Starrsinn verleiht Flügel

RIG_Head

Seit uns bewusst geworden war, dass das komplette Album nicht nur am Klavier komponiert werden, sondern auch im Wesentlichen aus Klavier und Gesang bestehen würde, wussten Toby und ich, dass den Klavieraufnahmen auf „Ein schwacher Trost“ eine besondere Bedeutung zuteil werden würde. Der Arbeitstitel der neuen CD lautete nicht umsonst „Duo“, so wie die Proben zu den gleichnamigen Auftritten, bei denen alle Lieder wie im Rausch komponiert und teilweise auch getextet wurden.

Zunächst hielten wir uns mit der Illusion auf, die Aufnahmen wie bei den alten CDs auch einfach selbst im Probenkeller aufzunehmen; ein Vorhaben, von dem wir im Angesicht der gestiegenen Bedeutung der Aufnahmen schnell Abschied nahmen. Schnell kamen wir zum Schluss, die Aufnahmen in einem professionellen Studio durchführen zu lassen. An zwei Tagen sollten zehn Stücke aufgenommen werden. Toby brach bereits beim bloßen Gedanken an die Prozedur in kalten Angstschweiß aus. Nächtelang bereitete er sich auf die Aufnahmen vor. Am ersten Studiotag erwachte er um vier Uhr morgens und setzte sich schlaftrunken ans Klavier, um noch einmal zu proben.

Umso furchtbarer wog die Erkenntnis, dass die Aufnahmen in einem Waterloo mündeten: nach einem langen Tag voller Anstrengungen und Konzentration saßen wir nachts jeder vor seinem Computer und hören uns die Rough Mixe an. Die Vorfreude war schnell Ernüchterung gewichen. Das Klavier im Studio klang überhaupt nicht wie erwartet. Die Aufnahmen konnten unmöglich verwendet werden. Wir hatten eine Stange Geld in den Sand gesetzt. Noch schlimmer wog die Enttäuschung. Wir brauchten Tage, um uns von der Einsicht zu erholen, dass wir ganz von vorne anfangen mussten.

Doch am Ende war unser Starrsinn größer als das altersbedingte Phlegma. Es gab keine andere Wahl: wir würden erneut beginnen und diesmal alles besser machen. Anstelle eines Klaviers sollte es nun ein Konzertflügel sein, das ganze natürlich in einem großen, professionellen Studio von einem erfahrenen Tonmeister aufgezeichnet. An dieser Stelle kam uns der Zufall zu Hilfe. Zwei kompetente Freunde empfohlen uns unabhängig voneinander das ganz in der Nähe gelegene Studio Tonmeister.

Nachdem Toby und ich Kontakt aufgenommen hatten und uns von dem riesigen Aufnahmeraum mit kammermusikalischer Raumakustik, dem schönen Steinway Flügel und dem ebenso freundlichen wie kompetenten Tonmeister Alfred hatten überzeugen lassen, war schnell klar, dass wir unseren zweiten Versuch genau hier starten würden.

TOBY AM STEINWAY (LINKS) SOWIE ALFRED UND RIG IM REGIERAUM DES STUDIO TONMEISTER (RECHTS).

 

Wenige Wochen später war es endlich soweit. Bis an die Zähne bewaffnet mit Noten, Texten, Demoaufnahmen und Verpflegung enterten Toby und ich das Studio Tonmeister erneut. Alfred hatte bereits den Klavierstimmer zu Besuch und alles für die Aufnahmen vorbereitet und mikrofoniert. Während sich Toby ein wenig akklimatisierte und warm spielte, nahmen Alfred und ich im Regieraum Platz, um die ersten Lieder und das generelle Vorgehen durchzugehen.

Toby war genauso nervös wie bei den ersten, gescheiterten Aufnahmen, spielte sich aber genauso bravurös durch die Tracklist der neuen CD wie zuvor schon. Wir nahmen die Stücke so weit wie möglich zusammenhängend auf. Da Toby die Stücke alle frei interpretiert und nicht von Blatt spielt, variierten wir einige Teile und improvisierten hin und wieder ein wenig. Je nach Gefühl wurden manche Lieder komplett am Stück aufgenommen, andere wiederum in einzelne Passagen unterteilt und danach zusammengesetzt.

Da später noch das Bandoneon und das Streichorchester hinzugefügt werden mussten, war Toby gezwungen zum Klick zu spielen, der ihm auf einen Kopfhörer gelegt wurde. Da wir ansonsten viele spontane Tempovariationen und Verzögerungen in die Abläufe integrieren, war das für Toby besonders fordernd. Seine Konzentration durfte nicht eine Sekunde nachlassen. Trotz der vielen Pausen, die wir einlegten, eine extreme Anspannung, die letztlich ihren Tribut forderte. Nach fünf Stunden mussten wir abbrechen und die restlichen Aufnahmen auf den zweiten Tag legen.

Zufrieden mit dem Erreichten machten wir uns auf den Heimweg, um am folgenden Tag erneut pünktlich (zumindest Toby und Alfred) im Studio aufzuschlagen. Die letzten Lieder warteten auf ihre Stunde. Wir kamen gut voran. Die Zeit reichte am Ende sogar noch, um ein Stück für „All die Geister“ und eine besondere Coverversion aufzunehmen. Während Alfred nun die Aufnahmen sortierte und ausspielte, machten es Toby und ich uns im Aufnahmeraum gemütlich und nahmen einige kurze Videos für euch auf. Schließlich gehörte ein so erfolgreicher Tag entsprechend gewürdigt.

Erschöpft aber glücklich wankten wir heimwärts, wohlig eingesponnen in die Gewissheit, dass wir damit das Fundament des neuen Albums gelegt hatten. Im Gegensatz zum ersten Versuch zerfiel dieses Gefühl auch nicht zu Staub nachdem wir die Roughmixe angehört hatten: ganz im Gegenteil! Der Steinway klang ganz hervorragend. Toby expressives Klavierspiel kam wunderbar zur Geltung.

 

Jetzt fehlte nur noch … der ganze Rest.

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