Live Review – Mannheim 2015 – Medium

15 Mai Live Review – Mannheim 2015 – Medium

Ich bin kein Konzert-Neuling. Eigentlich eher ein Festival-Althase. Ich stand schon mit 40.000 anderen vor den berühmten W:O:A Doppelbühnen. Oder fürchtete in Reihe 10 um mein Haarkleid, während die Pyromanen von Rammstein ein bisschen Light-Show in Berlin und München absolvierten. Also: kein Neuling. Und trotzdem lief mir bei der Klang- und Sangeskunst der alten Männer (O-Ton!) die Gänsehaut hinauf — und herunter. Und wieder.

Wer JANUS sehen will, muss warten. Denn die “alten Männer” (O-Ton!) lassen sich mit Live-Shows Zeit. Es gibt sie nur alle paar Jubeljahre. Und wenn, dann gibt es nur wenige Termine. Heuer war es so weit. Vier Termine, vier Locations. Und alle — vergleichsweise — winzig klein. In Mannheim müssen wir so um die 300 [Anm.: 545 zahlende Gäste waren es bei ca. 580 Plätzen] gewesen sein — mit etwas Luft nach oben. Ganz ausverkauft war das Capitol nicht. Warum nicht?! Wer hat da das Booking verpennt?! Leute, das war DIE Gelegenheit.

Aber der Reihe nach: Wir sind fremd in Mannheim, kommen aus einer ganz anderen Ecke Deutschlands. Das Hotel liegt mitten im bunten Viertel von Mannheim — Braut- und Schmuckgeschäfte, wohin man sieht. Viele Gerüche, Dialekte — alles sehr, sehr bunt. Schön, aber ungewohnt. Kurz vor Einlass um 19:00 Uhr und auf dem Weg zum Capitol: Die ersten dunklen Gestalten streben gen Capitol-Eingang. Wohltuend für das Auge, das schon den ganzen Tag so viel herrlichstes Sonnenwetter ertragen musste. Eintritt, Taschencheck? Geht alles blitzschnell. Die Szene hier kennt sich, das merkt man gleich. Der Rest steht hoch konzentriert in den Ecken. Oder krault den alten Männern den Bart, die sind nämlich mitten unter uns!

Kurz nach 20:00 Uhr beginnt es. Freie Platzwahl im alten Lichtspieltheater mit gewölbter Decke und plüschigen roten Samtsesseln. Stühlen. Naja, was auch immer. Wir ergattern einen Platz in der Loge. Freie Sicht auf Bühne, Kameramänner und Zuschauer! Und dann kommen die ersten Takte, RIGs Stimme erhebt sich. Und da ist sie ja auch schon, die Gänsehaut. Kommt und geht, je nach Song und musikalischer Interpretation.

Frenetisch zuckende Menge. Also, für schwarzgewandete Verhältnisse. Ich habe Köpfe im Takt nicken sehen. Mehrere! Ich schwörs. Es gab sogar Jubel. Manchmal sogar, man glaubt es kaum, zuckende Beine auf hohen Stilettos. Kein Pogen, kein Rumpeln, kein Rumgehüpfe. Standing Ovations — ja, auf jeden Fall. Mehrfach, den ganzen Abend lang. Alles andere hätte uns aus den Rollen gekippt. Den Rollen der andächtig lauschenden, der in der Musik versunkenden, den schaudernden. Denn wer sich die Texte von RIG und Toby genauer ansieht, den schaudert es. Gänsehaut, sag ich doch. Das Capitol hätte eine Klimaanlage gut vertragen können — ich weiß, wenig stilgerecht. Trotzdem. Die Hitze war — zumindest in der Loge — am Ende kaum noch zu ertragen. Ganz ohne Pyrotechnik. Liebe Capitol-Techniker: Denkt doch an die Frauen in Korsetts! Das ist kein Spaß, meine Lieben…

Songlist? Songlist! Nein, tut mir leid — alle konnte ich mir nicht merken. Aber einige, einige blieben hängen. Ganz ohne Alzheimer-Pult. Ich könnte hier YouTube Videos verlinken — aber liebe Leser, so läuft das nicht. JANUS baut auf hohe Qualität bei seinen musikalischen Arrangements. Selbstgebaute YouTube-Videos genügen dem wirklich gar nicht. Und wer die Songs nicht kennt, opfert am besten seine Seele für eine der raren Original-Aufnahmen. So.

Songliste, bitte: “Unten am See” ist für Veronika-Anhänger eine Wucht. Auch in dieser Interpretation am Konzert. “Saitenspiel” liebe ich in seiner Wortgewaltigkeit. Aber nein, absolut nicht mit ergänzenden Instrumenten. Die Musiker waren hervorragend, ganz bestimmt. Mir ist die “nackte” Fassung lieber. “Ich will seinen Kopf” — brachial. Diese Wucht in RIGs Stimme. Und dann leise Töne, vordergündig-freundlich — bis es wieder aus ihm heraus bricht. Und dann dröhnt und vibriert es um dich herum. Überaus begeisterte Menge: Viele Köpfe zuckten im Takt. “Isaak” ist keine Version für Kirchgänger, wirklich nicht. Und ich bedaure zutiefst, genau dieses Lied nicht in der Christuskirche gehört zu haben. Allein der Gedanke an den Effekt! “Die letzte Tür” — da rennt die Gänsehaut über die komplette Hautfläche. Das aller-aller-aller-allerletzte Zugabe-Lied, bevor die Lichter wieder angehen: “Anita spielt Cello”. Der Inhalt würgt dich, macht dich schwach und schaudern. Und dann die Stimme noch dazu, die Atmosphäre im Capitol. Die erstarrten Gesichter um dich herum. Mit diesem Lied musste es enden.

Wir wanken nach der aller-aller-aller-allerletzten Verbeugung aus dem Lichtspieltheater. Frische, klare Luft. Puh. Der Kopf fühlt sich berauscht, der Körper versucht noch das Erlebte zu verarbeiten.

Sabrina Sailer

 

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