Live Review – Winterreise 2005 – Neuwied

09 Dez Live Review – Winterreise 2005 – Neuwied

Das Konzert selber fand im Saal der Diana statt, ein mit reichlich Spiegeln und üppigen Wandmalereien sowie Fresken versehenes Gesellschaftszimmer, welches den optimalen Rahmen für den zu erwartenden Konzertabend bot. Schätzungsweise 150 Mitreisende versammelten sich zusammen mit uns auf den Stühlen, welche den Saal bis zur imaginären Bühnengrenze ausfüllten. Fotografieren war generell nicht erlaubt, um die Konzentration der Musiker nicht zu stören.

Relativ pünktlich ging es dann mit einem rein akustischen Intro los, in dem ich Motive aus Unter dem Eis erkannt zu haben glaube. Die musikalische Besetzung hatte sich im Gegensatz zur letzten Winterreise ein wenig geändert, wobei vor allem der Einsatz einer Bassklarinette mit ihren warmen, dunklen Tönen ein ums andere Mal interessante Akzente setzten konnte. Direkt anschließend kamen dann auch Tobi und RIG auf die Bühne und stiegen mit Lolita atmosphärisch dicht und wuchtig in das Konzert ein. Wie schon beim letzten Mal nahm mich auch diesmal wieder vor allem die Interpretationsfähigkeit von RIGs Stimme in ihren Bann, die den ohnehin schon intensiven Texten noch mehr Leben einhauchte.

Musikalisch war der Anfang ein wenig wackelig (da fehlte schon mal ein bisschen Text oder es kam ein Einsatz falsch), aber wie ich später von Tobi erfuhr, hatte es (fast schon traditionsgemäß) auch diesmal kaum Möglichkeiten zum gemeinsamen Proben gegeben, so dass sich die gesamte Gruppe quasi erst auf den Konzertabenden einspielen konnte, was dann im weiteren Verlauf des Abends auch immer besser gelang.

Nach einigen weiteren älteren Stücken, von denen mir diesmal das inzwischen fast schon zum JANUS-Standard mutierte Kafka besonders gut gefiel, wurden dann im regulären Set mit Ausnahme von Die Tage werden enger ausschließlich Stücke vom neuen Album Nachtmahr gespielt. Direkt zu Ein Hund, der sich hinlegt, wo er will, betrat nun auch Sonja Kraushofer (L’ame immortelle, Persephone) die Bühne, um RIG gesangstechnisch zu unterstützen. Sie brachte auch an diesem Abend das Kunststück fertig, neben dem sehr voluminösen JANUS-Sänger zu bestehen und dabei sogar noch eigene Akzente zu setzen. Diana Nagel – die eigentliche JANUS-Sängerin war an diesem Abend leider verhindert. Und ich muss sagen, trotz Sonjas ausdrucksstarker Stimme, hab ich Diana insbesondere bei Grabenkrieg schmerzlich vermisst.

Als besonders intensiv empfand ich in der Folge Anita spielt Cello (was für ein Text…), Kadaverstern, Die Ruhe selbst und die Berthold Brecht-Adaption Kinderkreuzzug, die mich auch auf CD jedes Mal fassungslos zurücklässt. Wenn der Text nicht so bitter wäre, so wäre es zum Weinen schön… Aber gerade weil der Text so bitter ist, mussten sich die Anwesenden reihenweise arg konzentrieren und beherrschen, um nicht in bloße Tränenflut auszubrechen. In vielen Gesichtern glitzerten die Augen angefüllt mit Tränen und starrten die Leute an die Decke. Und der Heulklos sollte noch bis lange nach dem Konzert im Halse stecken bleiben (sehr bedauerlich, das es im Anschluss nichts Entsprechendes zu trinken gab, um selbigen runterzuspülen).

Danach gab es erst mal eine kurze Pause, bevor dann ein erster Zugabenteil mit einer absolut fulminanten und aufwühlenden Version des Saitenspiels beendet wurde. Bereits hier wurde die Besetzung schrittweise reduziert, so dass bei der zweiten Zugabe nur noch RIG und Tobi musizierten und mit Sag doch was und Neunundachtzig das Publikum endgültig in tiefempfundene Verzückung und Aufwühlung versetzt wurde. Dies führte sich dann in frenetischen Befall und Standing Ovations, führte allerdings leider nicht zu einer weiteren musikalischen Darbietung, wobei man sich darüber nach über zwei Stunden und 20 Stücken natürlich nicht wirklich beschweren kann, zumal sich zumindest bei mir auch eine gewisse emotionale Schwere einzustellen begann; schließlich sind die JANUS-Kompositionen bekanntermaßen alles andere als leichte Kost.

Ein also auch im Nachhinein faszinierender und lange in der Seele nachklingender Abend, der im lockeren Beisammensein des Publikums mit den Musikern einen gelungenen Ausklang fand. Mit einigen Tagen Distanz betrachtet muss ich allerdings doch ein wenig meckern, denn einige Sachen habe ich bei dem Konzert doch irgendwie vermisst. So hieß es im Vorfeld, dass einige Cover-Versionen gespielt werden sollten, was bei JANUS immer eine interessante Sache ist. Weiterhin hätte ich gerne mehr alte Stücke im neuen, klassischen Gewand gesehen, auch wenn ich partout nicht sagen könnte, welche Stücke man dafür hätte weglassen sollen. Insofern gibt es letztendlich dann halt doch nichts auszusetzen.

Wer nicht da war, hat auch diesmal wieder definitiv ein musikalisches Erlebnis der Extraklasse verpasst, und wir werden bestimmt auch beim nächsten Mal wieder dabei sein!

Psycho für Nocturnal Hall

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