Rezension – Nachtmahr – Ruhrmetal

13 Sep Rezension – Nachtmahr – Ruhrmetal

Ich habe tagelang überlegt, ob ich dieses Review schreiben soll. JANUS. Eine Gruppierung, die den wenigsten etwas sagen wird. Still und heimlich haben sich RIG und Toby über die Jahre mit Veröffentlichungen durch die Musikwelt geschlichen, ohne groß in einem Zug mit anderen Bands dieses Stils genannt zu werden.

Doch was machen JANUS eigentlich? Wie kann man ihre Musik beschreiben? Wobei wir hiermit beim Konflikt zwischen Ruhrmetal und dieser Rezension wären. Passt dieses Album auf die Seite? Ich meine, man findet hier schon Gothic Bands, doch ist das wirklich Gothic? Ich sage, es ist kein Gothic.

JANUS wanken sehr unsicher auf der Geraden zwischen Unterhaltungsmusik und ernster Musik. Um schonmal ein erstes Bild zu erschaffen, Freunde von Lacrimosa können mit Nachtmahr etwas anfangen. Der Rest sollte das Review getrost überlesen.

JANUS haben eine unheimliche Entwicklung hinter sich. Während die erste Veröffentlichung Vater (soweit ich die Geschichte der Band richtig verfolgt habe) recht purer Elektro-, Wave-Kram war, hat sich der Stil der beiden im Laufe der Jahre so verändert, dass man sie nur an der unheimlich gewaltigen Stimme RIGs wiedererkennt.

Nachtmahr verzichtet fast völlig auf jeden Elektro-Einfluss und gibt sich völlig Orchestern, Violinen, Klavieren und Klarinetten hin. Die Titel sagen viel über die Musik aus, die stark textbezogen ist. Das heißt, die Musik umspielt nur das Gesungene, das mächtig im Vordergrund thront und über alles herrscht. Die Texte sind tiefsinnig, herzzerreißend, dramatisch, alltäglich und so liebevoll menschlich, dass jeder Metaller, der Gefallen an der Gruppe findet, Angst haben muss, zum Softie zu mutieren.

Ein Hund, der sich hinlegt, wo er will, die Einleitung in dieses mal völlig andere Musikerlebnis verdeutlicht und unterstreicht das, um was es hier geht. Der Text beschreibt einen alten Mann, welcher in jungen Jahren als Soldat gekämpft hat, den die Erinnerung an den Krieg nicht loslässt. Dabei ist allein der Titel schon so geschickt und genial, dass man sich vorstellen kann, wie viele Gedanken hinter diesem einen Song stecken.

Anita spielt Cello ist ein Lied, dass auf einer wahren Begebenheit basiert, die sich während des zweiten Weltkriegs bzw. des Naziregimes abspielte und beschreibt das Schicksal der jungen Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, die allein durch ihr Instrument zwei harte Konzentrations- bzw. Vernichtungslager überlebt hat. In diesem kraftvoll schwingenden Song, hat das Cello ein dramatisch, theatralisches Solo, welches sich so im Hirn fest frisst wie die Zeile Anita spielt frierend Cello im Schnee, die Füße sind taub und die Hände tun weh.

Dass Text und Musik perfekt harmonieren, zeigt das darauffolgende Stück Kinderkreuzzug ebenfalls eindrucksvoll. Die Geschichte einer Gruppe fliehender Kinder nach dem Krieg und ihr bedrückend trauriges Ende, welches vertont stapfend und kindlich naiv wirkt, ist einzigartig. Ein Meisterstück.
Dorinas Bild konfrontiert einen wieder mit dem Schicksal eines Soldaten, der bis in seinen Tod das Bild seiner Geliebten als einzigen Lichtblick hatte und es als Hoffnungsquelle fest umklammert. Militaristisch, und kraftvoll orchestral beeindruckt der Song und donnert in einer akustischen Welle auf einen zu, die Gänsehaut entfacht.

Kadaverstern und Nellie, sind etwas modernere Stücke, die man schon von älteren Ideen der Beiden von Demoaufnahmen oder Live-Konzerten kennt. Beide recht jazzig, entspannt, atmosphärisch weich und weniger mächtig. Kadaverstern konfrontiert den Menschen mit dem gequälten Nutztier und Nellie beschreibt das Leben einer Stadtfrau und dessen Bedeutungslosigkeit. Ebenso ist auch Was uns zerbricht ein Song, der von alten Veröffentlichungen bekannt ist und, bedrückend realistisch und nah aus dem Leben gegriffen, das Auseinanderleben eines Paares erzählt.

Sag doch was, ein recht theatralischer Song, hat ein ähnliches Thema und ist auch musikalisch ähnlich. Nur ein bisschen minimalistischer, weicher und mit weniger Instrumenten unterlegt. Grabenkrieg bildet als mächtig strenger Track, der fast einem Militärmarsch gleicht, das genaue Gegenteil.

Ein wieder recht moderner, kleiner Song, in dem man sogar leise eine E-Gitarre hört (!!!!) ist Die Ruhe selbst, welcher langsam in einem deprimierend kräftigen Lied mit verzweifelnd klagendem, schreiendem Gesang endet. Abschließend kommt wieder ein alter Bekannter: Das Gesicht, welches sich einzig mit Klavier, Violine und Gesang ausstattet und den wirklich gelungenen, ruhigen Abschluss bildet.

Fazit: Wer JANUS schon kennt, wird wissen, dass dieses Album mal wieder nur eine Bombe sein kann. Jedem Gothic, der Lacrimosa hört und jedem Klassik-Fan lege ich diese Veröffentlichung ans Herz mit dem Wissen, dass es ihn oder sie begeistern wird. Sicher, kein Metal. Doch ruhig, traurig und schön kann es auch mal sein. Auch wenn man es ungern zugeben will. Auch mir ist’s peinlich, dass mir sowas gefällt.

Zu Ende will ich nochmal auf das Artwork und die Aufmachung der CD eingehen: In Buchform gebunden ist das Doppel-CD Paket jeden Cent wert. Die zweite Lichtscheibe (auf die ich wegen der Länge des Reviews nicht eingehen wollte) besteht aus einem Hörspiel RIGs, das sicher jedem JANUS-Fan gefallen wird.

Elareth für Ruhrmetal

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